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Traumreise oder auf dem Jakobsweg

Mit unseren »Traumreisen« geht es jetzt wieder weiter hinein in die Vergangenheit. Es war im Jahr 2007, Anfang Juni, Gerd und ich erfüllten uns einen lange gehegten Herzenswunsch. Eine Wanderung auf dem spanischen Jakobsweg! Das geheimnisvolle Grab des Apostel Jakobus im nordspanischen Santiago de Compostela war unser Ziel.
In einem Winkel meiner Seele da steckt sie nun drin, die tiefe Sehnsucht nach dem Camino de Santiago. Deshalb die unbedingte Warnung an Dich, falls Du Dich auf den Weg machen möchtest:  Es besteht ausgesprochene Suchtgefahr!
Wir hatten damals ja keinerlei Ahnung, worauf wir uns da just mit diesem Pilgerpfad einließen. An einem regenverhangenen Tag machten wir uns dann in den französischen Pyrenäen an den Aufstieg. Man bedenke, die höchsten Erhebungen in unserer Heimatregion sind die Harburger Berge, mit maximal 150 Höhenmetern. Mal abgesehen davon haben mit den Elbdeichen vor der Haustüre nicht gerade viel Trainingspotenzial. Außerdem war die Ausrüstung noch nicht optimal. Entsprechend dicke kam es für uns. Langsam schraubten wir uns Schritt für Schritt in die Höhe. Undurchdringlicher Nebel hüllte uns ein und der Regen weichte sowohl die Pfade wie auch uns auf. Ihr werdet nachvollziehen können, wie euphorisch wir drauf waren, nach 25 Kilometern und rund 1.400 Höhenmetern die Pilgerherberge in Roncesvalles zu erreichen. Getragen von einer unglaublichen Neugierde machten wir die allerersten wirklichen Hochgebirgserfahrungen.
Dort irgendwo in der Höhe überschritten wir die Grenze zwischen Frankreich und Spanien. Und – es wird gleich geschichtlich. Denn hier beim Ibañeta-Pass erlitt im August des Jahres 778 Karl der Große eine schwere Niederlage. Die Nachhut seines Heeres, geführt vom Grafen Roland, wurde von Feinden (angeblich Sarazenen) aufgerieben. Das »Rolandslied«, das berühmte Heldenepos zeugt davon. Auf Spuren und Wirkungsstätten von historischen Persönlichkeiten werden wir auf unseren Pilgerpfaden noch oft treffen.
An den nächsten Wandertagen erlebten wir eine herrliche Gebirgslandschaft. Genauso bezaubernd wie verdammt anstrengend. Schon in der Herberge von Roncesvalles lernten wir einige der Pilgergefährten kennen, die teilweise unsere Wege bis heute begleiten. Wir durchstreiften gleichsam winzige Ortschaften wie größere Städte. Pamplona feiert im Juli eines jeden Jahres eine berühmte Fiesta mit einer (umstrittenen) Stierhatz. Der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway machte dieses gefährliche Schauspiel weltbekannt.
Die Hauptstadt Logroño der Provinz La Rioja lag auf unserer weinstockgesäumten Wanderstrecke. Und die Weine der Regionen haben wir überall getestet.
Kurz vor der Stadt Burgos führte uns der »Sternenweg«, einmal tief hinein in die Menschheitsgeschichte. Sternenweg, so poetisch nennt man den Weg nach den Gestirnen der Milchstraße, die oben drüber leuchten. Im Traum soll Karl dem Großen hier die Wegstrecke zum Apostelgrab in Galicien erschienen sein.
Ende des letzten Jahrtausends fand man in den Höhlen der Sierra de Atapuerca bei Ausgrabungen frühmenschliche Knochenüberreste. Ein faszinierender Ort für Archäologen.
Burgos war nach drei Wanderwochen unser Etappenziel. Schweren Herzens mussten wir uns von den weiterziehenden Gefährten trennen und die Heimreise antreten. Jedoch nicht, bevor wir dort einem weiteren »Helden« unsere Aufwartung machten. El Cid, Rodrigo Díaz de Vivar, er war im 11. Jahrhundert in Burgos zu Hause. Hier presste er seinem Herrscher den heiligen Eid ab, nicht an der Ermordung seines königlichen Bruders beteiligt gewesen zu sein. Der Souverän Don Alfonso schickte ihn daraufhin hin in die Verbannung. Nichts ahnend, dass ihn sein Untertan im Kampf gegen die Mauren auf ewig in den Schatten stellen würde, seine Schande auf tausend Jahre offenbarend. Denn auch dem »Cid« ist ein Heldenepos gewidmet: »El Cantar De Mio Cid«.
Rund zehn Monate später, im Mai 2008, setzen wir hochmotiviert die Wanderung fort. Jetzt professioneller ausgerüstet, wir hatten unsere Lektion gelernt. Auf diesem 800 Kilometer langen Pilgerpfad von den Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela, dem Camino Francés, trifft sich die Welt. Ob die Pilger nun aus den Ländern Europas stammen oder aus Korea, Japan, Simbabwe, Namibia, Brasilien, Mexiko, USA oder Kanada, sie alle sind hier eine große Gemeinschaft. Der Wunsch, die Strecke zu bewältigen, sowie das geheimnisvolle Grab in der Kathedrale von Santiago zu besuchen, vereint sie.
Zahlreiche Überraschungen erlebten wir unterwegs, freundliche wie weniger angenehme Begegnungen hatten wir. Die tiefgründigen und teilweise sehr persönlichen Gespräche mit anderen Pilgern jedoch, die haben in meinem veröffentlichten Tagebuch keinen Platz gefunden. Diese Erfahrungen muss ein jeder für sich selber ausmachen.
Zwischen den großen Städten Burgos und León erstreckt sich die Meseta, das dünn besiedelte Hochplateau in Kastilien. Wir zogen durch riesige Weizenfelder, querten einen historischen Weidepfad, auf dem Jahrhunderte lang die Schafe aus dem heißen Süden Spaniens in den wasserreichen kühleren Norden getrieben wurden. Zahlreiche Störche nisten auf Dächern und Türmen der Kirchen.
Unzählige Legenden erzählt man sich auf den Jakobswegen, die die vielen Wunder offenbaren. In Santo Domingo de la Calzada berichtet man von einem »Hühnerwunder«. Der Apostel persönlich rettete einem hingerichteten jungen Mann das Leben. Dem Richter flogen die gebratenen Hühner vom Teller, als ihm die Eltern von der Errettung ihres getöteten Sohnes berichteten. Deshalb beherbergt man bis hinein in unsere Tage ein weißes Huhn und einen weißen Hahn in einem kunstvollen Stall gehalten in der Kathedrale. Außerdem trifft man hier auf die Spuren historischer Pilger. So pilgerte auch Franz von Assisi von Italien nach Santiago. Hinweise darauf fanden wir in der Kirche.
Etliche Klöster haben ihre Pforten für Pilgerübernachtungen geöffnet und so erlebten wir das religiöse Leben, das uns sonst wohl eher verschlossen geblieben wäre.
Auch wenn sich die meisten Santiago-Pilger für die Route auf dem klassischen Camino Francés entscheiden, so kann die Strecke doch ausgesprochen einsam sein, wie im hügeligen Hochland von Kastilien.
In León musste ich dringend mein Magen-Darm-Leiden auskurieren. In der Pilgerherberge konnte das nicht funktionieren, denn ich brauchte ein eigenes WC. Mein schlechter Allgemeinzustand verhinderte, dass wir uns intensiv mit dieser großen Stadt auseinandersetzen konnten. Leider!
Die Montes de León rückten ins Blickfeld. Das ist eine anspruchsvoll zu besteigende Gebirgskette und die mussten wir überwinden. Verwunschene Geisterdörfer säumten unseren Aufstieg. Mystische Eindrücke, hervorgerufen durch dichte Nebelschwaden und Schlechtwetterfronten. Das Cruz de Ferro tauchte vor uns im Nebel auf. Hier legen die Pilger ihre Sündenlast ab, um davon befreit, frohen Herzens nach Santiago weiterzuwandern.
Das historische Dorf O Cebreiro, auf 1.300 Metern Höhe faszinierte uns. Zwar kamen wir uns wegen der unzähligen Touristen gelegentlich vor wie im »Pilgerzoo«, aber der Aufenthalt dort hat uns spirituell viel gegeben. Oh, das »Grüne Herz Galiciens« ist nicht umsonst so schön saftig. Denn es regnet gar oft und heftig. Wir wurden mitunter von den Wolkenbrüchen von den Bergen gespült.
Und dann steht man plötzlich nach ein paar Wochen vor den Toren Santiagos. Ein zwiespältiger Augenblick ist das. Denn einerseits möchte man unendlich weiter laufen, zusammen mit den Freunden, die man unterwegs gewonnen hat.  Andererseits ist die Kathedrale der Stadt das Ziel. So standen wir auf dem Monte do Gozo, dem Berg der Freude und blickten gebannt auf die Großstadt, versuchten in dem Dunst, die Türme der Kathedrale auszumachen. Selbst der Papst Johannes Paul II. besuchte seinerzeit das Apostelgrab. Zur Erinnerung daran baute man hier oben eine Kapelle und ein Denkmal.
Ein bittersüßer Abschied vom Pilgerleben war das für uns. Es werden Tränen fließen, wurde uns prophezeit, spätesten in der Kathedrale bei der Pilgermesse. Uns genauso kam es. Die Emotionen schwappten einfach über.
Wir lernten auf dieser Wanderung, dass man nicht sehr viel benötigt, um ein zufriedenes und ausgeglichenes Leben zu führen. Ein wenig Demut kann nicht schaden. Und natürlich, wir waren auch Stolz auf unsere Leistung. Das läuft sich nicht alles so im Vorbeiflug.

Wenn es Dich interessiert, Du kannst mit dem Finger auf der Landkarte auf Reisen gehen. Auch eine interessante Möglichkeit. Meine Mutter hatte auf diese Weise unsere Wandertour nachverfolgt. Im Internet findest Du alle Pilgeretappen zu den unterschiedlichen Pilgerrouten.
Gerd und ich jedenfalls, wir waren auf den Geschmack gekommen. Von Pilgerfreunden hörten wir, dass die Route »Via Podiensis«, beginnend in der französischen Stadt Le-Puy-en-Velay ausgesprochen reizvoll sein solle. Da war es dann abgemachte Sache, dass wir im Jahr darauf, zusammen mit einem Pilgerpärchen aus Süddeutschland diesen Weg laufen werden.
Aber – das ist eine andere Geschichte.

Ich hoffe sehr, dass Euch mein Bericht etwas von der Tristesse des Alltags in der Corona-Krise ablenken konnte.

Die Hexen tanzen in diesem Jahr alleine durch die Walpurgisnacht. Denn die Corona-Beschränkungen fürs Reisen sind just verlängert worden. Das bedeutet für uns weiterhin Langeweile vor dem Fernseher.
Aber keine Begrenzung der Welt greift in die Reiseaktivitäten bei »Traumreisen«, die finden ja in Gedanken statt. In Erinnerungen und in Fantasievorstellungen. Nur zu, stellt Euch Euren Träumen, vielleicht werden sie eines Tages wahr. Bis dahin bleibt gesund.

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