In Bearbeitung

Ein noch lange nicht veröffentlichter Roman

Mal ein paar Textschnipsel vorab!

Der Valentinstag im Jahr 2003 bekommt für meinen Protagonisten Lars  eine entscheidenden Bedeutung. Er selber lässt uns in seine Gedanken sehen:

...

Manchmal hat man eben echt Glück. Meine bewundernswerte Freundin, die Galeristin Maja Dierks lud mich ein, im Rahmen ihrer Vernissage einige Bilder auszustellen. Sie hat immer einen kleinen Schalk im Nacken, denn ihr Humor ist legendär. Dafür und für ihre Diskretion habe ich die lebenskluge Dame in mein Herz geschlossen. Sie ist Balsam für meine geschundene Seele. 

Ich erwartete gespannt, womit sie dieses Mal mich und ihre Gäste überrascht. Denn für den Valentinstag hat sie konsequenterweise das Thema ›Passion‹ gewählt. Es war mir klar, sie meinte damit nicht die Leidenschaft gemeinhin. Sie erstrebte das ausgefallene, das erotische Liebesspiel. Passend zum Auftakt wählte sie das Motto ›Liebe oder feiere das Leben‹. Den jungen, nicht voll etablierten Künstlern eine Plattform bieten, für einen ganzen Monat, war ihr eine Herzensangelegenheit. 

Es streichelt das Ego, auserwählt zu sein, für diese Künstlergemeinschaft. Ist diese Berufung doch ein Beleg für die Qualität meiner Arbeiten. Ich ergriff mit beiden Händen diese Chance. Obendrein war ich es leid, mich länger der Lethargie hinzugeben. Ich musste, ich wollte die Festung aufbrechen, der sich um mich herum aufgebaut hatte. Diese unsägliche Tristesse endlich hinter mich bringen. Trotzdem kostete mich die Teilnahme einiges an Überwindung. Denn jetzt kam ich nicht umhin, mich meiner Umgebung vollständig zu öffnen. Die Zeit war reif dafür, überreif. Außerdem sei’s drum, es ist unmöglich, einer so überzeugenden Person wie der umsichtigen Maja etwas abzuschlagen. Sie versprach ein Fest der Sinne und sie spielt gern Schicksal, das hatte sich in Künstlerkreisen herumgesprochen. Ich war so gespannt.

 

Was ist der Liebesrausch für die Menschen, ist er die ersehnte Freiheit, oder bedeutet er die Knechtschaft in einer Beziehung? Handelt es sich nur um eine Illusion, um reine Arterhaltung oder um echtes Empfindung. Die Galeristin wollte den Liebesbegriff als Katalysator des Lebens verstanden wissen, in allen Facetten. Insbesondere die erotische Liebe kennt vielerlei Spielarten. Maja kannte meine heimliche Leidenschaft fürs gleiche Geschlecht. Und so entschied ich mich für homoerotische Darstellungen junger Männer. In hingebungsvollen wie gleichermaßen ästhetischen Posen. Bilder voller Anmut. 

...

»Lass dich bitte auf meinen Kunstverstand ein, Du wirst überrascht sein«, legt Maja mir ans Herz.

Ich habe seit langem nicht mehr so sehr mit mir im Einklang gefühlt, wie an diesem Abend. Die spielerische Atmosphäre bezauberte die Sinne. Locker und beschwingt führte Maja ihre Gäste, mit der ihr eigenen Zwanglosigkeit, in die Kunst und in die Liebe in der Kunst ein. Sie sinnierte mit frechem, frivolen Unterton über Lust und Frust der Leidenschaft. Wir hörten ihr so gerne zu. Sie bestärkte ihre Besucher. Ermutigte uns, die wir in einer Warteschleife verharrten, falls der ersehnten Liebespartner bisher ausblieb. So eingesponnen in die Welt der Liebe fanden wir uns in ihrer unbekümmerten Leichtigkeit wieder. 

Von alters her feierten die Liebenden den Valentinstag mit Fruchtbarkeitsritualen und Poesie. Wobei hauptsächlich romantische Liebesbeweise einen hohen Stellenwert haben. Die Paare in der ganzen Welt griffen diese Tradition auf und verbreiteten sie über den Globus. 

In die Szenerie des Abends passten bezaubernderweise zwei wie mittelalterliche Troubadoure gekleidet Sänger. Maja hat nichts unversucht gelassen, den Rahmen nach ihren Wünschen zu stecken. Die beiden Barden unterhielten die zahlreich erschienenen Besucher mit Liebeslyrik. Betörende und verheißungsvolle Vorträge erklangen. Diese Vernissage im Rausch der Sinne war ein Besuchermagnet, denn die Galeristin besitzt ein ausgezeichnetes Gespür für die geheimen Begehren ihrer Kunden. 

Bei aller Hingabe zum Beruf, sie ist eine kunstverständige Geschäftsfrau. Sämtliche Wahrnehmungen an diesem Abend richteten sich nur auf das ›Eine‹, auf die Liebe aus. Die Liebesgöttin Venus regierte die Nacht. Und ohne Unterschied, so wie wir da waren, wir alle waren bereit dazu, uns verführen zu lassen. Selbst im dargereichten Knabbergebäck spiegelte sich das Liebesthema wieder. Bei herzigem Salzgebäck und Prosecco entwickelten sich anregende und tiefgründige Gespräche zwischen Künstlern und Gästen. 

»Komm mit, ich stelle dich jemanden vor«, flüsterte mir Maja geheimnisvoll ins Ohr und zog mich in einen Nebenraum. Neugierig folgte ich ihr. 

...

 

Mein Protagonist Lars gibt sich seinen Wachträumen hin:

...

Spürbar kalt wehte von See her eine leichte Brise. Lars zog fröstelnd den Kragen seiner Jacke höher, und dabei legte er den Kopf in den Nacken. War er bisher wie ein Traumwandler unterwegs, wie in Blinder? Die Nacht war hereingebrochen. Er bemerkte es erst jetzt, und er wunderte sich darüber, was er sah. So bewusst hatte Lars den Nachthimmel in seiner Großstadt nie zuvor erlebt. Im tiefen Dunkel des klaren Herbsthimmels glänzte das Band der Milchstraße über ihm, in voller kosmischer Prachtentfaltung, erhaben und schön. Dieses Bild berührte ihn bis ins Innerste. In seiner Erinnerung tauchte ein Zauber dieser Art bisher nicht auf. Wie gerne hätte er jetzt Enno an seiner Seite, um den beglückenden Anblick mit ihm zu teilen.

 

Im Windschatten einer Düne setzte er sich in den Sand und schaute aufs Meer. Ließ das ewige Kommen und Gehen der Wellen auf sich wirken. Das Rauschen erschien ihm endlos wie der Nachthimmel über ihm. War es nicht von alters her so, dass die Sternenkonstellationen für Menschenschicksale eine besondere Bewandtnis haben? Mit der zunehmenden Dunkelheit beleuchtete der silbrige Schein des Monds das Meer, reflektierte das Licht im Auf und Ab der Wogen. Ebbe und Flut, die Rolle des Erdtrabanten in diesem kosmischen Spektakel kennen die Menschen der Küsten genau. In jenem Augenblick bedauerte Lars es, dass er von Sternenkunde nicht sonderlich Ahnung hatte. Er wischte den Gedanken beiseite. Ach was, das bekümmerte ihn nicht weiter, man kann nicht alles wissen, sei’s drum! Seine Träumereien nahmen konkretere Formen an. Er stellte sich der Frage, wie es ihm gelänge, diesen Zauber der Nacht, dieser einsamen Nacht am Strand, künstlerisch umzusetzen. Und überhaupt, hatte er nicht soeben herausgefunden, was das ›Zauberland‹ für ihn ausdrückt. Er hatte ein kleines Stückchen vom geheimnisvollen alten Töwerland erlebt. Erst jetzt bemerkte er die Kälte, die in ihm hochkroch. Er streckte und reckte seine steifen Glieder, massierte die Gelenke, schüttelte den Sand aus den Kleidern und begab sich auf den Heimweg.

...