TRAUMHAFTE REISEWELTEN  – MIT UND OHNE MOTOR – REISEBERICHTE

E-Book: epubli, ISBN 978-3-757530-15-0, ca. 120 Buchseiten, Preis: € 1,99, die Onlineanbieter sind neben epubli beispielsweise Amazon, Thalia, Weltbild.

Reisen beflügeln – das gilt insbesondere für Traumreisen! Und ist besonders wichtig in Krisenzeiten, wenn der Aktionsradius begrenzt ist. Aus den unterschiedlichsten Gründen gilt das ab und zu im wahrsten Sinne des Wortes. 

Um dem Grau des Alltags zu entfliehen, nehme ich Dich mit in meine Traumwelt der vergangenen Zeiten. Lass Dich entführen nach Rom und Oslo, auf die Jakobswege, zum Nordkap und um die Ostsee herum. Genieße zusammen mit mir die Fußmärsche und schmecke die Köstlichkeiten Europas. Brummen, Knattern und Scheppern alter Motoren ist wie Musik im Ohr, wenn Oldtimer durch die Landschaft schnurren. Ja – manchmal fällt man auf die Nase, das gehört mit zum Geschäft.

Lies dieses kleine Buch mit den gesammelten Reiseerinnerungen, wenn ein wenig Ablenkung sinnvoll ist. Ich schicke Dir einen Sonnenstrahl!

 

Leseprobe:

20.  Reisepläne ins Wasser gefallen!

Kurz und schmerzvoll – so könnten unsere missglückten Reisepläne umschrieben seien. Wobei sich der Schmerz nicht nur auf Körperteile bezieht, denn dieses Scheitern ist hauptsächlich ein Problem fürs Ego. Hatten wir den Mund zu voll genommen? In dem Gerd und ich verkündeten, wir probieren es, die Donau in fast auf der gesamten Länge zu paddeln? Ein ambitioniertes Ziel, diese 2.500 km-Strecke!

Doch nun mal alles auf Anfang. Ein eigenes Paddelboot hatten wir schon lange im Visier. Unsere Geburtsjahre verraten, dass wir Reisepläne per Boot nicht allzu weit vor uns herschieben sollten. Zunächst dachten wir an den Erwerb eines Gebrauchtbootes, die Pläne zerschlugen sich an den überzogenen unrealistischen Preisvorstellungen eines Verkäufers. Für das Geld bekommen wir ein nagelneues Boot, allerdings ohne Zubehör. Ich durchforstete die Kanuzeitschriften und gemeinsam besichtigten wir Paddelboote bei Händlern. Ich bin seit frühester Kindheit auf Bootfahren geprägt. Mein Vater Otto nahm mich oft mit dem Boot raus zum Angeln auf den Greifswalder Bodden. Deshalb bekam ich gleich heimelige Gefühle, als ich mich in ein Ausstellungsboot setzte, das beim Betreten leicht im seichten Wasser schaukelt. Im Winter schafften wir das Zweierfaltboot Aerius Quattro an. Wir warteten ungeduldig auf den Frühling, um das Paddelboot zu testen, und wurden wetterbedingt auf eine harte Geduldsprobe gestellt.

Zeitgleich erfolgte die Anmeldung zur »TID« (Tour International Danubien). Die Donau-Wasserwanderer-Fahrt startet jährlich in Ingolstadt und endet im rumänischen Sfantu Gheorghe am Schwarzen Meer. Man kann auch durchaus nur Teilstrecken mitpaddeln, wir aber wollten die gesamte Strecke machen.

Trainingseinheiten und nochmal Training waren das Gebot der Stunde. Um nicht ständig das Faltboot auf- und abzubauen, mieteten wir uns einen Liegeplatz in einem Bootshaus am Hamburger Osterbekkanal. Wir brauchten nur das Boot auf den Transportwagen zu hieven, zu Wasser zu lassen und los zu paddeln. Auf diese Weise erkundeten wir Hamburg von der Wasserseite aus. Wunderschön! Man bekommt eine völlig neue Sicht auf die Stadt.

Der nachstehende Bericht informierte unser Umfeld über das Vorhaben auf dem Wasser:

Servus, mit dieser Grußformel aus den Gebieten südlich des Mains verabschieden wir uns von Freunden und Familie. Bedeutet doch Servus ›zu Diensten‹; denn im Dienste der Völkerverständigung werden wir in den nächsten Wochen unterwegs sein. Der zweitlängste europäische Fluss, die Donau ist unser Ziel. Der in südöstliche Richtung fließende Strom verbindet und trennt Völker und Kulturen gleichermaßen, ist sowohl Grenze als auch Handelsstraße. Seine geologischen Besonderheiten sind beeindruckend. So verschwindet der junge Fluss im karstigen Untergrund der Schwäbischen Alb. Strudel, Stromschnellen, Gebirgsdurchbrüche und Untiefen, verursacht durch den Sedimentseintrag der Nebenflüsse, erschwerte seit der Antike die Nutzung als Wasserstraße. Den Römern dämmerte es langsam, dass das gewaltige Delta im Schwarzen Meer und die beiden munteren Gebirgsquellflüsschen im Schwarzwald miteinander in Verbindung stehen. Die Donau, das Band zwischen Orient und Okzident. Trotzdem konnte der Strom ...

 

Ende der Leseprobe

Leseprobe:

3.  Die Fahrt nach Rom

Du blickst zurück und lässt dich von vergangenen Zeiten einfangen. Mich hat ein Song dazu inspiriert. Vor ein paar Tagen postete ein ehemaliger Studienkollege auf Facebook das Lied: ›La pulce d’acqua‹. Seitdem sitzt mir dieser winzige ›Wasserfloh‹ im Gehörgang. Zumal ich den Künstler Angelo Branduardi sehr schätze. Er verzaubert sein Publikum mit poetischen Texten und mit dem Klang seiner Geige. Wie er da auf dem Podium steht, häufig einbeinig, wie ein Storch, einfach unnachahmlich. Seine Wuschelfrisur ist inzwischen weiß, von der Ausstrahlung hat er nichts eingebüßt. Ich durfte ihn etliche Male auf Hamburger Bühnen und in der St. Petri-Kirche erleben. Überhaupt inspirierte mich die zauberhafte Musik dermaßen, dass ich mich dazu entschloss, Italienisch zu lernen. Das hatte immerhin einen praktischen Grund, denn mein Mann Gerd und ich beabsichtigten, mit unseren fünfzig Jahre alten Mopeds der Marke NSU-Quickly nach Rom zu fahren. Wir würden ausschließlich kleinere Straßen und Wege benutzen, durch viele winzige italienische Dörfer kommen, wo man weder englisch noch deutsch spricht. Und für die bessere Kommunikation mit den Leuten befasste ich mich mit deren Lebensart.

Mein Gerd hätte ja sooo gerne diese Sprache gelernt, aber, er musste sich ja dringender um die Restaurierung der Motorini kümmern. Immer diese Zwänge! So saß denn mein Göttergatte im Keller oder in der Garage und schraubte, was das Zeug hergab. Ich saß derweil im stillen Kämmerlein mit einem Lernprogramm für Anfänger. Wie gerne hätte ich mich mit meinem Mann ausgetauscht. Wenigstens kam ich zügig voran.

Das Jahr 2006 war angefüllt mit unzähligen Probefahrten, um die Maschinen einzufahren. Wir legten vor der Tour rund 1.000 Kilometer zurück. Teilweise mit katastrophalen Ergebnissen. Unsere ›Generalprobefahrt‹ von Seevetal bei Hamburg ins niedersächsische Oldenburg, mit einer Entfernung von 160 – 170 Kilometern je Strecke zeugte davon. Die ungezählten Motorenprobleme machten die Fahrt zum Hindernisparcours sondergleichen. Etliche Male hätte ich das Teil in die Tonne treten mögen. Benzin lief aus, der Benzinhahn war undicht, von Gerds Quickly fielen stumpf Sachen ab. Frust! Bei Worpswede forderte uns ein Rennradfahrer zu einer Wettfahrt heraus. Ratet mal, wer gewann!

In Oldenburg wartete meine Mutter mit dem Mittagessen auf uns, wir hatten inzwischen aber die Kaffeezeit längst überschritten. Gegen 21 Uhr erreichten wir total erschöpft nach zwölfstündiger Fahrzeit unser Ziel. Immerhin, für die Rückfahrt benötigten wir nur noch zehn Stunden! Die Generalprobe ging somit voll in die Hose. Ein gutes Zeichen! Da muss man doch die Herausforderung annehmen.

Unsere Entscheidung stand! Wir fahren nach Rom. Jedenfalls versuchen wir es. Skeptiker innerhalb der Familie verbreiteten wenig Hoffnung darauf, auch nur den Landkreis verlassen zu können.

Die einzige fest gebuchte Komponente unserer Reise war die Rückfahrt! Sieh mal an, mit dem Autoreisezug vom italienischen Livorno zurück nach Hamburg. 400 Euro hatte ich dafür hingeblättert. Zuversicht muss sein.

Heute spreche ich immer von einem »Herzschlag-Abenteuer«, wenn die Rede auf diese Tour kommt. Mit dem Mut der Verzweiflung machten wir uns auf. Nein, was hast Du denn geglaubt, natürlich kamen wir nicht ohne Probleme ans Tagesziel. Wobei wir uns klugerweise keine festen Tagesetappen vorgenommen hatten. Nur so ungefähr, man weiß ja nie, was passiert. Die Wirtsleute der ersten Unterkunft bei Hannover waren Italiener! Gutes Zeichen fanden wir, das gab uns Auftrieb. Ist Euch schon mal aufgefallen, was uns alles als Erfolgsbotschaft unterkam?

Ihr fragt Euch vielleicht, ob wir uns unterwegs gegenseitig angezickt haben? Natürlich, haben wir! Die sozialen Kontakte liefen nicht reibungslos. Waren wir doch beide voller Adrenalin. Es gab viele Hindernisse zu überwinden, Baustellen beispielsweise, die uns vom Kurs abbrachten und in denen wir uns heillos verfranzten. Inklusive Diskussionen, bis Einigkeit entstand. Wer zum Beispiel ist schuld am schlechten Wetter? Das sind Fragen, was? Uns hielt keiner auf!

Das Alpenvorland war erreicht. Wir hatten sämtliche Zweifler eines Besseren belehrt. Bis hierher erfuhren wir einiges an Hilfsbereitschaft und unterwegs stets freundliche Aufmerksamkeit. Etliche Leute berichteten uns von eigenen Erfahrungen mit den Quickly-Mopeds. Die in den 1950er Jahren in Westdeutschland beliebt waren. An der Tankstelle am Fernpass ließen finnische Harley-Fahrer ihre PS-starken Maschinen stehen, um sich mit unseren untermotorisierten Maschinchen zu befassen. Schräge Unternehmungen kommen bei Finnen immer gut an. Wir waren die Stars oder die Hasardeure der Alpen. Mühsam war die Strecke hinüber über den Reschenpass. Und weiter ging es wieder adrenalingesteuert. Von nun an würden wir notfalls unsere Quicklys auf dem Buckel nach Rom schleppen! Niemand könnte uns jetzt noch aufhalten.

Die steilen Hänge der Alpen waren speziell für Gerds Fahrzeug ein Problem. Oft stieg er ab und schob die Quickly bergauf. Manchmal fuhr ich dann vor, um Quartier zu machen. In Meran war es nicht leicht, wir hatten den speziellen Feiertag nicht auf dem Schirm. Bei uns im Norden ist der 15. August, Maria Himmelfahrt, kein Thema. Viele Italiener nutzen den für ein verlängertes Wochenende. Dort wo es schön ist, wie in Meran beispielsweise. Ein Hotelier war mir bei der Quartiersuche erfolgreich behilflich. Er sagte mir: »Sie können vermutlich gar nicht ermessen, wie viel Glück Sie haben, dass ein Gast abgesagt hatte.« Vom Hotel erhielten wir auch wertvolle Tipps für die Weiterfahrt nach Bozen. Wir kurvten auf einem Radwanderweg durch die herrliche Alpenlandschaft bis nach Trento. Dort durchfuhren wir erstmals einen Tunnel, vor diesen Bauwerken habe ich großen Respekt. Entlang am Gardasee erreichten wir Verona. 

Der Opernbesuch in der Arena von Verona war eine festeingeplante Größe. Da wir keine Ahnung hatten, ob oder wann wir diese Stadt erreichen, buchten wir nichts voraus. Am Ankunftstag feierte ich meinen 56. Geburtstag, den haben wir abends mit einem üppigen Mahl zelebriert. Am Tage darauf gab es in der Arena Verdis ›Tosca‹. Gerd und ich erinnern uns mit Gänsehaut an das Opernerlebnis. Das italienische Publikum ist so viel emotionaler und fordernder, die Sänger wiederholten ihre Arien, tosender Applaus und unendliche Begeisterung bei uns.

Weiter ging es, wir brausten über die Po-Ebene nach Ravenna. Auch so ein Ort, den ich schon lange im Visier hatte. Ich interessiere mich sehr für historische Fakten. Geschichte und byzantinische Kunst sind hier vereint. Die Grabmale des legendäre Theoderich, des Dichters Dante Alighieri und der Herrscherin Galla Placidia begeisterten uns. Herrliche Mosaike schmücken Kirchen und Mausoleen. Ravenna, eine Stadt, die mich inspiriert.

Wir überquerten die eigenwillige Landschaft des Appennin, hatten es hier mit paradiesischen Landschaftsbildern zu tun. Fuhren über Berg und Tal und durch Waldungen. Alte Städte und Gemäuer säumten die Strecke. Ich habe immer noch die duftenden Felder in Erinnerung und die Kühle des Waldes. Wir waren mehr und mehr hingerissen. Ein Etappenziel war der Geburtsort des Heiligen Franziskus von Assisi, der in dieser Stadt als Giovanni di Pietro di Bernardone zur Welt kam. Hier kommt Angelo Branduardi wieder ins Spiel, denn der Künstler hat die Lebensgeschichte des Ordensgründers in Liedern vertont, mit dem Album L’infinitamente piccolo (Das unendlich Kleine) veröffentlicht. Die Biografie des heiligen Francesco von Assisi hat mich sehr beeindruckt und ich beschäftigte mich mit seiner Lehre. Wie mit der Predigt von der vollkommenen Freude und der Begegnung mit dem ägyptischen Sultan. Franziskus von Assisi war auch als mittelalterlicher Santiagopilger unterwegs, wie wir später erfahren werden. Branduardi hatte entlang der italienischen Jakobswege seine Konzerte zur Biographie des Heiligen gegeben. Gerd und ich werden in den kommenden Jahren auf den Pfaden des Apostels Jakobus wandern, das ist aber ein anderes Thema. Was wir damals noch nicht ahnten, war, dass wir sechs Jahre später, exakt am Todestag des Heiligen in Santiago eintreffen sollten. 

Nun aber raus aus dem Mittelalter. Am Lago di Bracciano in der Nähe Roms ereilte uns ein schweres Unwetter. In einem kleinen Café suchten wir  ...