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Steinchen auf Reisen

Heute erzähle ich Euch eine Geschichte von einem »Steinchen auf Reisen«. Mein Mann Gerd und ich planten seit einigen Jahren eine Fahrt mit unseren Oldtimer-Motorrollern rund um die Ostsee herum. Die beiden NSU-Lambrettas der Baujahre 1952 und 1954 verfügen jeweils über ein 125er-Motor, damit wollten wir die Rundfahrt angehen. Allerdings erlebten wir immer wieder herbe Rückschläge. Meistens lag der Grund auf dem technischen Sektor, oder mal bekam der Restaurator Ersatzteile nicht flott genug geliefert oder die Person mit dem speziellen Fachwissen stand nicht zur Verfügung. Selbst die Gesundheit machte uns kurzzeitig einen Strich durch die Rechnung. Aber, als wir davon überzeugt waren, dass alle Probleme gelöst seien, fiel meine Lambretta total aus! Komplett! Nein, nicht nochmal verschieben? »Müsst ihr nicht«, sagte uns der Restaurator, »nehmt eine von meinen Maschinen für die Tour.«

So geschah es, dass Gerd und ich uns 2015 mit einem Motorrollergespann der Marke Honda-Helix auf den Weg machten. Mit einem Gespann? Geht’s noch! Gerd musste das Teil fahren, denn nur er besitzt einen Motorradführerschein. Irgendwie geartete Erfahrungen auf diesem Sektor besaß keiner von uns beiden. Wir übten ein komplettes Wochenende lang, mit dem Gefährt umzugehen, und dann aber los damit.

Die Strecke war geplant und der Zeitrahmen gesetzt. Zwei bis drei Monate Unterwegssein könnten wir uns leisten. Und von der finnischen Stadt Kemi am Bottnischen Meerbusen aus sollte es immer nordwärts bis zum Nordkap gehen. Das war eine aufregende Geschichte für unseren ältesten Enkelsohn. Der Fünfjährige beobachtete die Reisevorbereitungen sehr genau. 

Beim Abschied sammelte er aus dem Garten einen Stein auf. »Den sollt ihr mitnehmen, damit ihr wisst, dass ich euch vermisse und immer an euch denke.« Ach, wie süß! Wir waren zu Tränen gerührt. Dieser kleine Kerl bringt so die Emotionen zum Schwingen. Logisch, das Steinchen wird uns rund um die Ostsee begleiten, das ist doch Ehrensache. 

Dass unsere Reise von nun an störungsfrei verlief, das wäre geprahlt. Aber wir fanden stets passende Lösungen. Auf der Westerplatte bei Danzig machten wir die ersten Fotos mit dem Steinchen. Ach ja, kleines Küsschen drauf. Wir umkurvten die russische Oblast Kaliningrad und nahmen Kurs auf die kurische Nehrung. Weiter ging’s nach Riga. In der lettischen Hauptstadt fotografierte Gerd mich erneut mit unserem Objekt. In Tallinn dann setzten wir per Fähre nach Helsinki über. Neues Fotoshooting an Bord. Ein russisches U-Boot kreuzte unsere Fahrt, ich hatte just die Kamera verstaut. Also, schnell wieder raus damit, das Motiv taucht sonst noch ab.

An der finnischen Küste entlang fuhren wir stetig nach Norden. Bei der Stadt Kemi verließen wir planungsgemäß die Reiseroute und nahmen Kurs auf Lappland. Und hier wird es nun weihnachtlich. Nördlich der Stadt Rovaniemi, am arktischen Polarkreis, dort residiert der Weihnachtsmann. In einem kleinen Holzhüttendorf nahe der Eismeerstraße.

Wir hatten einen Auftrag zu erfüllen. »Sagt unbedingt beim Santa Claus Hallo«, trug uns unsere Tochter auf. Na ja gut. Wir hatten Glück, denn nur wenige Touristen bevölkerten das weihnachtliche Blockhaus. Ein Wichtel mit Zipfelmütze führte uns vorbei an mit Geschenken voll bepackten Rentierschlitten. Die große Jahresuhr zeigte an, dass es bis Dezember noch etwas hin ist. Im Hintergrund erklangen Weihnachtslieder. Das ist etwas seltsam, wenn man, wie wir, im Juni reist. Aber wir sind ja Botschafter, da darf man nicht empfindlich sein. Außerdem lagen an geschützten Stellen im Wald immer noch Schneereste.

Wir stiegen hinauf in den ersten Stock, dort saß Santa Claus in seiner Kammer. Er trug die übliche Weihnachtsmannkluft. Die riesigen, wollig warmen Filzpantoffeln fielen mir sofort auf. Ich wollte schon einen kleinen Augenblick neidisch werden, denn ich hatte kalte Füße.

Der Wichtel hatte dem Weihnachtsmann gesteckt, dass wir aus Hamburg kämen. Der wiederum empfing uns in deutscher Sprache. Sein Sprachschatz allerdings war eher klein, er bat um Fortführung des Gesprächs in Englisch. Der Santa Claus wollte schon mit seinen üblichen Ausführungen beginnen. Nahm den Atlas zur Hand, zeigte auf die Weltkarte, von wegen die »große Weltreise« stünde im Dezember an. Derweil surrten die Videokameras und Fotoblitze zuckten auf. 

Gerd und ich lenkten das Gespräch auf unser Anliegen. Der Santa war gerührt von unserer Geschichte, griff sich eine Postkarte und schrieb einen Gruß für seinen ›Freund‹ drauf. Dann hielt er das Steinchen in die Kamera, Gerd und ich saßen links und rechts neben ihm. 

Im Postamt des Weihnachtsmanndorfes modifizierten Gerd und ich die Autogrammkarte vom Santa. Denn der fünfjährige Enkel hat einen jüngeren Bruder, den darf man nicht einfach übergehen. Aus ›dear friend‹ machten wir ›dear friends‹, schrieben die Adresse drauf und ab damit in den Briefkasten, der die Post enthält, die erst im Dezember zugestellt wird. Geschafft, ja, so verlief der Besuch am Polarkreis beim finnischen Weihnachtsmann. In seiner Landessprache nennt man ihn Joulupukki.

Das letzte Foto von unserem Steinchen machten wir auf dem norwegischen Campingplatz auf der Nordkap-Insel Magerøya. Von nun an ging die Reiseroute immer stramm nach Süden, zurück zur Ostsee und umzu. 

Das, Ihr Lieben, ist die Geschichte von dem kleinen Steinchen aus Hamburg, welches bis in den hohen Norden reiste. Unsere Enkel möchten unbedingt mit Oma und Opa nach Lappland reisen. Versteht sich! Oder?

 

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